Rainer Pohls MusikTipps

garantiert ganz persönlich und subjektiv !

Die Corona-Krise mit der Einschränkung des öffentlichen Lebens brachte mich auf die Idee: liebe HiFi-Fans, ihr habt jetzt mehr Zeit für Eure HiFi-Anlage ! Und ich gebe dazu  nach und nach ein paar Musil-Empfehlungen. 

Wenn Sie meine Kurzkritiken gut oder schlecht finden sagen Sie´s mir einfach

Ich gebe auch an, wo und in welcher Form man diese Alben bekommen oder hören kann ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Dabei lasse ich Anbieter von per Datenreduktion kastrierter  Musik wie Spotify oder iTunes außen vor, ebenso we ich den Monopolisten Amazon grundsätzlich in jeder Hinsicht meide.

Übrigens: wenn Sie noch in der glücklichen Lage sind, vor Ort einen guten Plattenladen zu haben, unterstützen Sie doch den !

Marla Glen - Unexpected

19.3.2020

Marla Glen ist fast jedem bekannt - aus der Vergangenheit. Lange war sie quasi in der Versenkung verschwunden, jetzt macht die Sängerin mit dem androgynen Auftritt in Männeranzügen und der tiefen Stimme mit der neuen LP "Unexpected" ein tolles Comeback.

Fast alle Stücke hat sie selbst geschrieben und sie bewegt sich in verschiedenen Spielarten der Musik- von Blues über Latin, Balladen bis zur Weltmusik. Immer unverkennbar Marla Glen und trotzdem sehr vielseitig und manchmal überraschend.

Ich habe die Doppel-LP gehört, die in einwandfreier Qualität kommt mit dynamischem Klang, teils kernigen Bässen und sehr guter Abbildung.  Schönes Klappcover und inclusive Lyrics.
Erhältlich z.B. bei JPC als DoLP und CD, bei Qobuz als HiRes Download.

Jerry Garcia und David Grisman

19.3.2020

Diesen Plattentipp verdanke ich einem Kunden, bei dem ich die LP  über seinen Linn LP12 gehört habe. Und ich war begeistert !

Der Gitarrist und Sänger Jerry Garcia war bekannt als einer der Gründer der legendären Westcoast - Band "Grateful Dead".

1991 machte er zusammen mit seinem Freund David Grisman ein unplugged Album mit Gitarre und Mandoline. Anklänge an Grateful Dead sind unverkennbar ! Ich habe die MFSL-Pressung gehört und war begeistert von dem unglaublich offenen und detailreichen Klang und der tollen Musik mit Melodien aus Pop, Blues und Folk. Man wird sofort in die Musik hineingezogen und hört einfach nur zu. Unterstützt werden die beiden Musiker von Bassist Jim Kervin und Joe Craven an Geige und Perkussion. 

Erhältlich als MFSL LP oder SACD (70.-€, Sieveking) - die können Sie auch über uns beziehen oder z.B. bei JPC.
Ich habe das Album auch als Download bzw. Stream bei Qobuz und Tidal gefunden.

Bizet: Carmen Suite & Symphony No.1 & Gounot: Petite Symphonie

Francois Leleux,Scottish Chamber Orchestra,

21.3.2020

Vorweg: Ich habe als Hifi-Händler zwar seit fast 5 Jahrzehnten viel mit klassischer Musik zu tun, zähle mich aber nicht zu den Klassik-Kennern, da ich privat fast nur Rock und Jazz höre.  Trotzdem versuche ich mich heute an einer kleinen Klassik - Rezension.

Heute kam ein Tweet von Linn Records, in dem dieses Album vorgestellt wurde. Da ich die Carmen Suite sehr mag habe ich gleich einen Download in Studio Master (24/192) gemacht. Und ich wurde nicht enttäuscht.

Wunderbar leichtfüßig aber nie oberflächlich musiziert, dabei ernsthaft und getragen wo es angemessen ist und forciert im Tempo, aber nicht gehetzt, in den schnellen Sätzen. Und ich habe selten so wundervolle Bläser gehört wie in dieser Aufnahme. Da paßt es, wenn man weiß dass der Dirigent dieser Aufnahme, Francois Leleux, eigentlich in erster Linie  Oboist ist. Er hat hier in doppelter Funktion dirigiert und Oboe gespielt.

Wie oben gesagt, den Bizet kannte ich schon und er hat mir persönlich noch nie so viel Freude gemacht wie in dieser Aufnahme.

Die Petite Symphonie kannte ich noch nicht und sie machte Ihrem Namen alle Ehre. Ein kurzes aber ernstzunehmendes Werk , sicher nicht so bedeutungsschwer wie die großen Symphonien der bekannteren Komponisten. Für mich eine Bereicherung.

Die Aufnahmequalität macht Linn Records all Ehre, dynamisch, perfekt durchhörbar und ausgezeichnet gestaffelt, aber nie ins analytische abgleitend.

Erhältlich als Download bei Linn Records in HiRes, bei itunes (leider nur datenreduziert),als CD z.B. bei JPC, als Stream bei Apple Music (leider nur MP3)

Billy Idol: Vital Idol: Revitalized

Remixes, die Spaß machen

25.3.2020

Tanzbare Dub Remixes : audiophile Hardliner werden mich jetzt vielleicht steinigen wollen - macht aber nix. Spaß muss sein, erst recht beim Musikhören !

Billy Idols 80er Klassiker als revitalisierte Remixes. Idol selbst lies seine Musik von aktuellen Mix-Producern nochmals zeitgemäß bearbeiten. Hits wie "White Wedding", "Dancing with myself", "Rebel Yell" oder "Flesh for Fantasy" bekamen eine Frischzellenkur und machen so richtig Spaß und gehen in die Beine.

Das Album fängt an mit einem tollen Baßlauf  in "White Wedding" und kraftvolle, aber saubere und tiefe Bässe ziehen sich durch das ganze Album. Da kommen Hörer mit Anlagen mit volumenstarken Lautsprechern so richtig auf ihre Kosten. Aber das geht nicht zulasten der Durchhörbarkeit ! Und auch auf guten Anlagen mit kleinen Lautsprechern macht dieses Album Freude. Ich habs auch auf meiner Büroanlage mit Vergnügen über 30 Jahre alte ganz kleine Linn Kan gehört, mit den großen Linn Komri an meiner Klimax -Anlage war es dann großes Kino.

Die Stimme von Billy Idol bleibt in diesen Remixes immer klar und natürlich, ebenso werden alle Instrumente und Effekte sauer getrennt. Dabei bleibt das Musikgeschehen ein homogenes Ganzes. Da waren Leute am Werk, die ihr Handwerk verstehen!

Erhältlich als einwandfrei produzierte  180 Gramm Doppel-LP,  CD (beide z.B.bei JPC), als Stream bei TIDAL und als Stream und Donwload bei Qobuz. Ich habe die LP und den Stream von Tidal gehört.

 

 

The Beatles - Abbey Road 50th Anniversary

ein Reissue der sich lohnt

Nein. ich wollte das wirklich nicht. Ich habe mich monatelang strikt geweigert den Rummel um die 50-Jahre Abbey Road Neuauflage mitzumachen. Aber vor Kurzem hatte ein Kunde das Album dabei als er zum Hörtest im Studio war. Und ein anderer Kunde hat es mir zuhause vorgestreamt in HighRes. 
Dann habe ich meinen Widerstand aufgegeben und das Album auch gekauft. Weil es wirklich deutlich besser klingt als die Originalveröffentlichung von 1969. Abbey Road war das elfte und letzte LP-Album der Beatles.  "Let it Be" kam zwar später raus, wurde aber vorher eingespielt.
Die 50-Jahre Ausgabe wurde von den Original-Bändern neu in Stereo abgemischt und steht in verschiedenen Ausgaben mit mehr oder  weniger umfangreicher Ausstattung als LP, CD , Stream und Download zur Verfügung. Ich habe die Doppel LP gehört und den HighRes Stream. Mir war früher der Klang dieses Albums immer etwas dünn und nervig im Ohr. Die neue Abmischung ist da ein echter Fortschritt. Merklich voller im Klang ohne etwas zu verschleiern. Mit echten Bässen, die Substanz haben aber nicht dröhnen, mit schöner Abbildung. 
Wer Beatles-Fan ist sollte sich das Album gönnen.Und wer kein Beatles-Fan ist findet jetzt vielleicht den Zugang.

Als LP und CD in diversen Editionen z.B. bei JPC, als HiRes Stream bzw Download bei Qobuz. Als Stream in CD-Qualiät bei Tidal.

 

 

Nils Landgren/ Jan Lundgren: Kristallen

Lyrischer Kammerjazz

So ähnlich wie die Nachnamen der beiden Musiker sind, so kongenial spielen Sie auf diesem Album (erschienen Januar 2020 bei ACT) zusammen. Der schwedische Posaunist und Sänger Nils Landgren findet einen perfekten Partner im ebenfalls schwedischen Pianisten Jan Lundgren. 

Mit dem Album Kristallen liefern sie ein Gesamtkunstwerk ab mit eigenen Kompositionen, Einflüssen schwedischer Folk-Musik und Stücken bekannten Komponisten wie Lennon/McCartney, Keith Jarrett oder Abdullah Ibrahim. Mein Lieblingsstück ist eine tolle Interpretation des Beatles-Stücks "Norwegian Wood". 

Viel Atmosphäre mit großartigen Klanglandschaften, ausgezeichnet aufgenommen. Man bekommt über eine gute Hifi-Anlage ein gleichwohl entspanntes wie auch packendes Privatkonzert. 
Ich habe die LP gehört und den Stream über Tidal. Erhältlich als LP und CD (z.B.JPC), als HighRes Stream und Download bei Qobuz und als Steam in CD-Qualität bei TIDA.

FKA Twigs: LP 1

"Ätherischer R&B trifft auf Neo-Trip-Hop" (JPC)

Die Musik von FKA Twigs wird seitens der Kritik allgemein als avantgardistischer R&B eingeordnet. U.a. in der "Zeit" (2014) wurde Sie von Arno Frank so eingestuft und ihre Musik "absichtsvoll verstörend" genannt, vorgetragen von einem "Ätherischen Sopran". Sie selbst lehnt diese Einordnungen ab.  Und ich finde auch keine Schublade, in die ich sie stecken möchte....

Ein Kunde, auf dessen Musikgeschmack ich viel gebe, empfahl mir dieses, bereits 2014 erschienene Album. Und ich war zunächst etwas verstört. Aber nach mehrmaligem Hören habe ich Gefallen daran gefunden. Schleppende Tempi, der Gesang teils mädchenhaft ätherisch, unterlegt mit knackigen Beats und garniert mit einfallsreich und geschickt gesetzten Effekten. Das Alles von der Künstlerin zum größten Teil im Homerecording selbst aufgenommen und arrangiert. Die Aufnahmequalität ist so, dass dieses Album auch auf einer anspruchsvollen HiFi-Anlage Hörspaß bereitet, so man diese Musik mag. Wer eine gute Portion Neugier und Experimentierfreude hat, sollte sich ruhig auf dieses Album einlassen. 
2019 erschien ein neues Album von Tahliah Debrett Barnett, so heißt die Londonerin bürgerlich. Twigs ist ihr Spitzname weil ihre Gelenke beim Aufwärmen knacken wie Zweige (engl.: twigs), FKA steht für "formerly Knows as" (vorher bekannt als), das sie davorsetzte weil der Künstlername Twigs schon vorher vergeben war.

Ich habe das Album gehört als einwandfrei produzierte LP und als Stream bei TIDAL. Erhätlich als CD und LP (z.B.JPC), als Download (Qobuz) und als Stream (TIDAL und Qobuz)

Joni Mitchell: Don Juans Reckless Daugter

Folk meets Jazz meets Weltmusik

16.4.2020

Ich habe im Plattenschrank aufgeräumt und dabei ein paar Schallplatten rausgestellt, die ich einmal wieder hören wollte. Und dabei ist mir das 1977er Album "Don Juans Reckless Daughter" von Joni Mitchell in die Hände gefallen. Von den Kritikern eher ambivalent aufgenommen, die ihre Alben "Blue" oder "Heijira" eher als ihre Meisterwerke herausgestellt haben. Für mich ist es dieses Album, das mich immer wieder am meisten fasziniert und berührt hat, nicht nur von der Musik sondern auch vom Coverdesign. Und von der tollen Musikerbesetzung mit dem Bassisten Jaco Pastorius, dem Percussionisten Airto und WayneShorter am Sopran Saxophon.
Ich habe heute nach einem sonnigen April-Tag bis 22 Uhr mit einer Zigarre und einem Glas Wein auf der Terrasse gesessen und von unserem LP12 Plattenspieler im Wohnzimmer über Linn-Multiroom dieses Album erneut erlebt. 
So zieht einen gleich auf den ersten Titeln "Cotton Avenue" und "Talk to me" der unvergleichliche singende Bass von Jaco Pastorius  - der leider viel zu früh bei einer Auseinandersetzung mit einem New Yorker Disco-Türsteher ums Leben kam - in den Bann. Und das kongeniale Zusammenwirken mit Joni Mitchells eigenwilligem Gesangsstil. Der Titel "Paprika Plains" , der eine ganze Plattenseite einnimmt, befremdet zunächst mit viele Minuten langem Klavier mit Streichern, läßt dann aufhorchen mit markanten kurzen Akzenten auf dem Piano und wechselt in eine lange Passage mit Percussion und afrikanischem Gesang - man befindet sich auf einer musikalischen Reise. Mit unvermuteten Wendungen aber einer in ihrer Gesamtheit perfekt abgestimmten Songfolge. Nach vorne treibende Stücke wie "DonJuan Reckless Daughter" bleiben trotzdem relaxt und ruhige Titel bleiben voller Spannung. Und der letzte Song "The Silky Veils of Ardor" endet für mich am Schluss mit einem Fragezeichen. 

Joni Mitchell hatte ihre ersten großen Erfolge mit Musik aus dem Folk-Bereich, später kamen Jazz-Einflüsse hinzu. Sie widmete sich ab ca. 2000 mehr der Malerei. " Ich bin eine Malerin, die Lieder schreibt " (Zitat Joni Mitchell)

Man sollte sich Zeit nehmen und dieses Album ganz durchhören. Es ist sehr gut aufgenommen, facettenreich mit großem musikalischem Detailreichtum. 

Ich habe die Doppel-LP gehört. Ob es die noch irgendwo gibt konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Die CD gibt es derzeit sehr günstig bei JPC und bei Qobuz gibt es den HighRes Download, Streaming bei Qobuz und Tidal.

Die nächste Besprechung wird wieder eine aktuelle Neuerscheinung sein aus dem Klassikbereich von Linn Records. Ich arbeite dran.

ALQE

Antti Lötjönen Quintet East On We Jazz Records

Beim der letzten Mal hatte ich eigentlich eine Klassik-Rezension angekündigt. Da ich mich damit etwas schwer tue schiebe ich heute eine Besprechung einen Jazz-Albums ein.

Im vorletzten SPIEGEL las ich zufällig eine kurze Besprechung des neuen Albums des finnischen Bassisten Antti Lötjönen. Das klang so interessant, dass ich mir gleich das Album gekauft habe und das war auch gut so.

Lötjönen ist seit vielen Jahren ein begehrter Bassist in der Szene. ALQE ist jetzt sein erstes Album unter eigener Flagge. Mit einem Quintet - aber ungewöhnlicherweise ohne Piano, dafür mit drei Bläsern: Verneri Pohjola (Tompete & Taschentrompete),Jussi Kannaste (Tenorsaxophon),Mikko Innanen (Alt-, Baritone-und Sopranino-Saxophon)  und Joonas Riippa an den Drums.

Die Stücke sind bis auf eines Eigenkompositionen von Lötjönen.. Es gibt zwei kurze Solo-Titel von Lötjönen, eines mit gezupften und eines mit gestrichenem Bass. Interessanterweise verzichtet er auf ostentative Saitenartistik bei diesen Solostücken wie er auch in den anderen Titeln sich ganz in den Dienst des Quintets stellt. Man hat den Eindruck er weiß, dass er niemandem etwas vordergründig beweisen muß. Aber obwohl er sich  im Hintergrund hält merkt man sehr bald, wer den Laden zusammenhält. Ganz auffällig  für mich z.B. bei dem längeren Titel "Oblique" bei dem der Bassist dafür sorgt, dass die Bläser nicht im freien Flug auseinanderdriften.

Das Album überzeugt durch modernen, zeitgemäßen Jazz mit Emotion , bei dem durchaus hier und da  Anklänge an die Großen des Jazz  sind wie z.B.John  Coltrane, Ornette Coleman, Ron Carter oder Chick Corea zu hören sind - ohne dass darunter die Eigenständigkeit leidet. Für mich hat diese Album auch kleine Vorbehalten gegen modernen skandinavischen Jazz - der für mich möglicherweise unbegründet unter "kühl" lief -  beseitigt.

Ich habe die LP gehört, das Album ist natürlich auch als CD verfügbar und als download (leider nicht in HighRes) bzw Stream bei Qobuz und Tidal..